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Ängste & Angststörungen

Die Ausrede, die keine ist – wie Vermeidung sich im Alltag tarnt

Vermeidung sieht selten aus wie Flucht. Sie sieht aus wie ein voller Terminkalender.

Wie Vernunft. Wie eine völlig normale Entscheidung, die man an jedem beliebigen Dienstag treffen würde.

Genau deshalb ist sie so schwer zu bemerken. Niemand denkt: „Ich weiche meiner Angst aus." Man denkt: „Heute passt es einfach nicht."

Warum Vermeidung sich so vernünftig anfühlt

Wenn Sie eine angstbesetzte Situation absagen, passiert sofort etwas Angenehmes: Die Anspannung fällt ab. Es ist eine echte, spürbare Erleichterung – und Ihr Gehirn merkt sich diesen Zusammenhang gründlich. Absage führt zu Erleichterung. Also war die Absage richtig.

Das ist kein Denkfehler, den man sich vorwerfen müsste. Es ist Lernen, wie es funktioniert. Das Problem ist nur: Sie erfahren dabei nie, was passiert wäre, wenn Sie geblieben wären. Die Befürchtung bleibt ungeprüft im Raum stehen – und ungeprüfte Befürchtungen werden mit der Zeit größer, nicht kleiner.

Fünf Situationen, in denen Vermeidung sich tarnt

1. Der Anruf, der bis morgen warten kann.
Der Rückruf beim Amt, beim Arzt, bei der Vermieterin. Er steht seit elf Tagen auf der Liste. Jeden Tag gibt es einen guten Grund, warum heute schlecht ist. Der Vorwand ist Terminplanung, das Thema ist die Befürchtung, sich am Telefon zu blamieren oder etwas Unangenehmes zu hören.

2. Der Sitzplatz am Gang.
Immer am Gang, immer in Türnähe, immer der Blick zum Ausgang. Sie würden das „Gewohnheit" nennen. Fragen Sie sich einmal, was passieren müsste, damit Sie in der Mitte einer vollen Reihe sitzen – und wie sich der Gedanke anfühlt.

3. Der Umweg, der nur zwei Minuten länger ist.
Eine Straße, ein Platz, eine bestimmte Station. Sie fahren außen herum, weil es ohnehin kaum Zeit kostet. Die zwei Minuten sind der Preis dafür, dass die Frage nie gestellt werden muss.

4. Die Zusage mit dem Ausstiegsplan.
Sie sagen zu – aber mit eigenem Auto, mit Rückfahrtoption, mit einem Termin danach, der einen frühen Aufbruch rechtfertigt. Man nennt das Flexibilität. Häufig ist es eine Notausgangstür, die die ganze Zeit im Blick bleibt.

5. Die Recherche statt der Handlung.
Sie lesen viel über Ihre Symptome. Über Angst, über Therapieverfahren, über das, was anderen geholfen hat. Das fühlt sich nach Fortschritt an und ist doch der sicherste Ort im ganzen Thema – Informieren kostet nichts. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, lohnt auch ein Blick auf unsere Seite zu Prokrastination und Aufschieben.

Vermeidung oder einfach eine Entscheidung?

Nicht jedes Nein ist Vermeidung. Manches lehnt man ab, weil man keine Lust hat, und das ist völlig in Ordnung. Drei Fragen helfen beim Unterscheiden:

  • Die Erleichterungsfrage: Fällt nach der Absage spürbar Anspannung ab – oder ist es Ihnen schlicht gleichgültig? Erleichterung deutet darauf hin, dass vorher Druck da war.
  • Die Wiederholungsfrage: Ist das einmal so, oder ist es ein Muster? Einmal absagen ist ein Dienstag. Sechsmal dieselbe Art von Situation absagen ist eine Richtung.
  • Die Freiheitsfrage: Könnten Sie problemlos auch anders? Eine echte Entscheidung lässt beide Wege offen. Vermeidung kennt nur einen.

Was das für die Therapie bedeutet

In der Verhaltenstherapie ist genau dieses Muster der Ansatzpunkt – nicht, weil man sich seinen Ängsten „stellen muss", sondern weil das Erkennen schon die halbe Arbeit ist. Wir schauen gemeinsam, wo Sie ausweichen, was Sie dort befürchten, und prüfen dann Schritt für Schritt, ob die Befürchtung stimmt. In Ihrem Tempo, in einer Reihenfolge, die Sie mitbestimmen.

Wie die Angstbehandlung insgesamt aufgebaut ist – von der kognitiven Verhaltenstherapie bis zur Exposition –, lesen Sie auf unserer Seite zu Angststörungen und Therapie in Berlin Mitte.

Der Aktionsradius wächst dabei nicht, weil Sie mutiger werden. Er wächst, weil weniger Türen zugehen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Alltag enger geworden ist, sprechen Sie mich gerne an. Ein Erstgespräch in unserer Praxis am Gendarmenmarkt in Berlin Mitte ist kurzfristig möglich.

Häufige Fragen

Ist Vermeidung immer ein Zeichen für eine Angststörung?

Nein. Jeder Mensch geht Unangenehmem gelegentlich aus dem Weg. Kritisch wird es, wenn sich Vermeidung zum Muster verfestigt und der Alltag dadurch spürbar enger wird.

Muss ich mich in einer Therapie sofort meinen Ängsten aussetzen?

Nein. Am Anfang steht das Verstehen – welche Situationen Sie meiden und was Sie dort befürchten. Konfrontation wird gemeinsam vorbereitet und beginnt mit dem, was Sie sich zutrauen.

Was ist, wenn ich mein Vermeidungsverhalten gar nicht sehe?

Das ist der Normalfall, denn Vermeidung tarnt sich als Vernunft. Hilfreich ist eine Woche mitschreiben: Was habe ich abgesagt, verschoben, umfahren? Muster werden auf Papier sichtbar, im Kopf selten.